Sein und Wesen


1. Unabtrennbar

Es gehört zu den grundlegenden, die Theologie des christlichen Glaubens – in der ihr eigentümlichen Weise von Erkenntnis und Wissen – prägenden Einsichten, dass im Bewußtsein und Denken von Gott Sein und Wesen unabtrennbar sind. Diese Unabtrennbarkeit läßt sich nicht bewahren durch bloßes Behaupten von Identität und nicht durch das Sprechen in Sätzen über Gott in Geltung halten. Das Denkverhalten in Sätzen über Gott, als sei dessen Seinsweise etwas Gegebenes, gar Gegenständliches, verfehlt zunächst unvermeidlich, was durch das Diktum des Unabtrennbaren zu beachten aufgegeben wird. Schon eine Zuordnung, wenn vom Sein Gottes, also von „seinem Sein“ oder „seinem Wesen“ gesprochen wird, nimmt Gott als Subjekt in Unterscheidung des ihm zugedachen Seins und Wesens. Ein nur nachträgliches Identifizieren durch Worte wie: Gott ist sein Sein, Gott ist sein Wesen, hebt die mit dem durch ein „Besitzen“ zugrundegelegte Trägerschaft – den Gedanken an ein Subjekt, das als das Zugrundeliegende (hypokeimenon) durch eine bestimmte Weise von Sein und Wesen wie Attribute charakterisiert wird, nicht auf. Diese Problematik des urteilsbildenden etwas über und von Gott Aussagens setzt sich im Gebrauch der Kategorie der Substanz fort, auf die wir im Zusammenhang mit den Versuchen zur Explikation der triniarischen Struktur des Seins des Göttlichen bei Augustinus und Thomas näher eingehen werden. In Anselms Monologion ist aber der durch das Proslogion aufgegriffene Weg vorgezeichnet, wie sich in theologischer Reflexion der gebrauchten Leitbegriffe in Unterscheidung zum traditionellen Begriff der Substanz als Träger von Akzidenzien eine wesenltich geistige Weise erschließt, in der das Sein Gottes als in seiner Seinsweise sich einem in Form und Gestalt anmessenden Verhalte entbergen kann.


2.

Im Selbstbewußtsein des Gebrauchs zweier Begriffe – Sein und Wesen – ist eine Unterscheidung bedeutet, die für das Selbstsein Gottes keine Trennung (weder für die Einheit des Wesens noch für die hypostatisch Seinsweisen der Personen zueinander) unterstellen darf, wie es für unser Verständnis der Dinge in den wahrnehmbaren Erscheinungen und der Gegenstände der Erfahrung möglich ist, deren Wesen wir in dem, was eines ist, denken können, ohne dass wir annehmen müssen, dass es da ist oder überhaupt je existiert hat. Die Annahme der Unabtrennbarkeit von Sein und Wesen tangiert das Denken im Gebrauch von Wesensbegriffen für das Sein Gottes und kehrt des gegen die Selbstverständlichkeiten, in der wir die gegebenen Dinge in den sie betreffenden Gedanken behandeln. Es scheint uns jederzeit möglich, selbst wenn es unwahr wäre, gedanklich anzunehmen, dass dies oderjenes, was wir als daseind vorstellen oder es uns als wahrgenommen erscheint, nicht da ist. Wir haben in den Verknüpfungen unserer Urteil, wenn wir das „ist“ oder „ist nicht“ gebrauchen anscheinden immer die Möglichkeit, das Gegenteil zu sagen und zu denken. Ob das Richtig ist, wäre dann eine zweite, die Beurteilung unserer Aussagen betreffende Frage.

Gott gegenüber verhält sich unser Denken- und Urteilenkönnen aber nicht so, und das würde dann sofort einsichtig, wenn sein Wesen im nur irgend denkbaren Sein selbst ein Maß der Richtigkeit des Verhaltens zu ihm und so auch des Gedachtwerdens selbst abgeben und damit einzuhalten aufgeben würde. Die uns aus der Urteilsform des Bejahens oder Verneinens als in seinen Verbindungen eigenmächtig auszuübendem Handelns gleichsam hinausweisende Anspruch, Sein und Wesen Gottes für alles Denken von Ihm für unabtrennbar zu erachten, stellt das sich bewußt werdende Denken eine Forderung seienr Angemessenheit, die nur mit der Ausbildung einer nicht mehr dem Aussagen über etwas dienenden Haltung erkundet werden und eingeübt werden kann.

Das Denken des Glaubens in der Reflexion auf die mit dem Gottesbegriff angenommene Unabtrennbarkeit des Wesens vom Sein muß versuchen, sich dem Sein Gottes selbst durch Gedankenverbindung der Erkenntnis seines Wesens sich widmen muß, in der die notwendigen Verbindungen nicht mehr abhängig sein dürfen von willkürlichen Verknüpfungen, eigenmächtigen Definitionen oder aus notwendig unangemessenen Vergleichen mit Verhältnissen gerade jener Bereiche, in denen  Sein und Wesen nicht ungetrennt gedacht werden können. Wie also kann das Denken die es leitenden Verbindungen so mitvollziehen, dass diese als ein sich dem Selbstsein aus der Annahme seiner Wesenseinsicht anmessen können und ein Denken des Seins die Gestaltbildung im Entsprechungsverhalten leitet, das unabgetrennt vom Wesen dessen sich eröffnende Einsichtsgabe folgt – in einer Haltung der Achtung von Selbstsein des Göttlichen also, das bewußtseinserzeugend und haltungsleitend sich in Demut aufrichtet.

Es leuchtete dagegen sofort ein, das die so geforderte Angemessenheit in der Haltung des Denkens nicht erreicht wird, wenn die Theologie, wie von Thomas von Aquin vorgestellt, die Wege einmal zur Erschließung der Annahme des Seins Gottes – durch die mit Beweggründen operierende Rückbesinnung auf eine erste Ursache im Verhältnis zur erscheinenden Natur und deren Ursprung –, und dann den der inhaltlichen Aufnahme der Wesensgehalte aus der durch die Schrifttradition vermittelten Offenbarung das Wesen Gottes denkt.

Durch Sätze wie, Gottes Sein ist sein Wesen, wird die Trennung der Wege von Rationalität der Ursachenerschließung und der theologischen Durchdringung der Wesenheit des Göttlichen (einschließlich seiner trinitarisch prozessualen Struktur) nicht überwunden, dem eigenen Grundsatz systematischer Theologie nicht entsprechen.

Thomas und der ihm methodisch folgende Thomismus wird dem Anspruch, den er im Gottesbegriff selbst aufnimmt, nicht gerecht.

3.

Die aus dem Gottesbegriff anzunehmende Ungetrenntheit kann nur in einer selbstbewußt werdenden Wendung gegen jene Art der begrifflichen Unterscheidung von Sein und Washeit angenommen und für die Ausbildung der spezifisch theologischen Weise von Erkenntnis und Wissen im Verhältnis zu Gott und dem Göttlichen, sie ausrichtend, in der Gedankenführung gehalten werden, wenn die Theologie als für die Ausbildung ihrer Systematik grundlegend eine Kritik ihrer Verfahren und Erkenntnisvermögen zur Einsicht in die Bedingungen ihrer Unterscheidungen von Sein und Wesen und die Bedingungen, ihre Unabtrennbarkeit zu wahren, auf sich nimmt.

Diese grundlegende Aufgabe würde verfehlt, griffe das theologische Denken nur zu einer Art Selbstverachtung von Denk- und Sprachvermögen, während es munter weiter redet und sich Bilder und Analogien zu Hilfe nimmt, die sämtlich die Trennung von Sein und Wesen erneuern, da alle Vorstellungsgehalte von etwas, das wir irgend als gegeben bestimmt und von anderem unterscheidbar denken, sich des Verhältnisses im Bewußtsein eines denkenden Subjekts gegenüber einem angenommenen Objekt bedient – und Gott zum Gegenstand des Bewußtseins macht.