Ursprung und Schöpfung

Schöpfungsgeschichte -  Erzählungen vom Anfang der Menschheit

Es erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, dass sich viele Geschichten vom "Anfang der Dinge" in ihren Motiven und Strukturen so ähnlich sind. Gleich in welcher Religion und Kultur und von welchem Teil der Erde, es finden sich immer wieder dieselben Grundstrukturen - und dies wird im zweiten, das Denkenkönnen eines Ursprungs reflektierender Betrachtung durchaus einsichtig: 

Am nur mit Einbildungskraft und ohne vergenwärtigende Erinnerung eines wahrnehmbaren Zustands zu denkenden Beginn von Welt war nur in widerstreitenden Bildern und Begriffen Sein von Nichtsein, von der Wahrnehmung und dem Bewußtsein sich entziehender Finsternis und Chaos zu sprechen, das ein von ihm etwas Sagen und Denken zu können, noch gar nicht ermöglichte. 

Zuweilen ist es, ähnlich der biblischen Genesis, ein Schöpfer, der erschafft das Licht, und das Land erhebt sich aus dem Wasser. Dann entstehen Pflanzen, Tiere und zuletzt der Mensch...

1.

Leitend ist durchgängig die Figur des - "Als noch nicht war ....", ihm wird für die Vorstellungskraft eine Leere und Ungeschiedenheit zugedacht, bei der es das Denken und das Bewußtsein nicht aushalten kann.

Der nur als unselbständig zu denkende Zustand wird mit der noch Ungeschiedenheit auch als Verkehrung der für das Wahrnehmungs- und Selbstbewußtsein unabdingbaren Bestandsordnung angezeigt, und der Ursprung so als ein vor der Verwirrung und Desorientierung oder dem Fall ins Nichtsein des Dasein- und Bewußtseinkönnens rettendes Werk berichtet.

Ohne eine anzunehmende Gabe von Ordnung im Bestand tritt das Orientierungsvermögen in seiner Bedürftigkeit gegen das Chaos an und muß zu seiner Ermöglichung immer auch geistig wirkende Kräfte annehmen, mächtig genug, um Ordnung für das Seinkönnen in Raum und Zeit zu stiften. 

Daseinsorientierung braucht Zeitordnung und Gegebenheiten für das Unterscheiden von Oben und Unten, Links und Rechts. Das ursprungsmythische Geschehen stiftet solche zeit-räumlichen Ordnungsstrukturen im Blick auf die geistigen Vermögen und hat darum im Noch-Nicht an der notwendig in ihm zu überwinden vorgestellten  Unordnung, die als Chaos immer als drohender Verlust von Bestand und Erhaltungsvermögen im Dasein das Vorstellen bestimmt, das sich unwillkürlich mit den hilfreich schöpferischen, Stand und Ordnung festigenden Kräften im Bunde sieht.

Schöpfungserzählungen wahren darum mit der Annahme der ursprünglich gegen ihren Unbestand ermöglichend wirkenden Kräfte wesentlich das sie zu erkennen gebende Wort: die notwendig dichterische Erzählung ist in ihrer Geltung und Wahrheitsfähigkeit dem Geist der schöpferisch wirkenden Kräfte ähnlich.

Darum ist es für die angemessene Auslegung der Schöpfungsgeschichte von Gn 1 und die Deutung der Ebenbildlichkeitsgabe, in die sie als Bestimmung des Menschen aus dessen sich in der Erzählung vergegenwärtigem Ursprungsgedenken, notwendig, sich im Vergleich mit den Schöpfungsmyhten der Völker, die Strukturbedingungen von Ursprungsdarstellungen zu verdeutlichen.

2.

Der Gedanke des Ursprungs fordert eine Darstellungsweise, in der bedeutet werden kann, dass es kein im Zeitkontinuum situiertes oder ihm als konsistent gegeben verbundenes Geschehen sein kann.

Die Hinwendung zum Ursprung durch vergegenwärtigende Darstellung gewinnt Bedeutung für das nie nur im Verstand und zum Zweck von Erklärungen sich Orientierens, und muß die Wendung gegen die Vorstellungen eines Anfangs in oder von einer kontinuierlich ablaufenden Zeit mitvollziehen.

Nicht zufällig sind die in der Philosophie wie Theologie zu erkennen thematischen Prinzipien „ursprüngliche Bestimmungsgründe“: sie sind in ihrer aufzunehmenden Orientierungskraft weder in einfach bestimmbaren und verständig auszulegenden Begriffen zu erfassen und durch Sätze über Gegebenheiten zum Ausdruck zu bringen, noch können sie in verstandesgemäß zu deutenden Regeln und Lehrsätzen zur Geltung gebracht werden, da die Anwendung von Grundsätzen Kriterien der Angemessenheit aus ihrer Verbindung erfordert, die ihrerseits nicht wiederum nur durch Regeln und Gesetze bestimmt sein kann. Herausgefordert wird das Denken und Erkennen in der Rückwendung auf seine (aber nie nur selbsteigene) Prinzipien zu Unterscheidungen, die – wie an den Ursprungsdarstellungen und Schöpfungserzählungen der Völker zu zeigen – das Orientierungsvermögen von Menschen (in der Welt) ermöglichen.

Ihre Gabe gilt es, schon aus dem Mitsprechen und Mitdenken der Ursprungserzählung anzunehmen und so sich im Verhältnis zu Prinzpiengabe ursprünglicher Bestimmung als Maß- und Grundgabe das dadurch Ermöglichte in Gegenwärtig zu erneuern. Die Prinzipienannahme im erzählerisch, sprechend oder singend vergegenwärtigten Ursprung nimmt dessen Bedeutung aus einer Zeitkontinuität des Erinnerns eines lediglich längst Vergangenen und gibt dem Erzähl- und Sprachgedanken selbst einen Ort – in der Gedächtnisgemeinschaft als durch das Weitererzählen verbunden – , durch den die Annahme der Ursprünglichen Gründungsgabe sich vollzieht und das dadurch Ermöglichte dort erneuert, wo es als Vermögen (des Seinkönnens als sich orientierende Menschen in Welt) dieses sich erneuernden Orientierens – in und als Gemeinschaft – auch bedürftig ist. Die Erzählung und Darstellung wird in ihrer wirksamen Gestaltung (als performatives Sprach- und Denkhandeln) selbst zum Träger der Ursprungsbedeutung und gibt annehmend das Maß zur Ermöglichung von Vermögen diesen gemäß als gemeinschaftlich geltender Bestimmungsgrund weiter.

In den Ursprungs- und Schöpfungserzählungen der Völker finden sich regelmäßig Strukturen, durch die die Erzählung das durch sie aufzunehmen und weiterzugeben als „ursprünglich“ Bedeutete außer dem Zeitkontinuum von Vergangenheitserinnerung setzt und mit der Gegenwart einer erneuerten, oft Widerständen abgerungenen Befestigung von tragenden Unterscheidungsgabe verbindet.

Die Figur im Erzählungsbeginn: „Als (Himmel und Erde) noch nicht war ...“ … als es noch nichts Festes gab, auf dem etwas stehen oder gehen kann, usw. nimmt einen Ortsraum des Sein- und Bestehens- und sich Orientierenkönnens (zwischen Oben und Unten, als Landbewohner gegenüber dem Wasser oder auch zwischen Licht und Dunkel) auf, dessen noch nicht gegeben und befestigt Sein nicht einfach eine Zeit negiert und gegenüber einer Jetztzeit eine Vorzeit benennt, sondern die Gegenwart von Strukturen des Seins-, des Bestehens- und des sich Orientierenkönnens durch beständige Unterscheidbares negiert und so ein Unvermögen der sich orientierenden und auf Unterscheidung (schon von Licht und Dunkel) angewiesenen Denken- und Bewußtseinsvermögen anspricht, das zu überwinden uns Not tut und wir im Selbstbewußtsein dieser unserer Verhaltensvermögen (für und im Seinkönnen als Menschen in Welt) der Ermöglichung des nunmehr sich erneut darstellenden Ursprungs in seinen Gaben der Unterscheidungsbefestigungen zustimmen, in den Gesang einstimmen und so die Ursprungsgabe in Ermöglichung einer maßgeblichen Orientierung (vermögensgemäß) annehmen können – mit guten Gründen die Erzählung weitergebend.

Die Erzählungen sind darum selbst Träger der Erkenntnisgeltung von durch sie sich in Gegenwart gebenden Prinzipien, als ursprünglicher Bestimmungsgründe.

Es lassen sich in den verschiedenen Schöpfungserzählungen wenigstens 6 miteinander verflochtene

Aspekte in unterschiedlicher Akzentuierung wiedererkennen:

1. Struktur des „als noch nicht war“ - Unterscheidung in der Zeit in Vergegenwärtigung eines

Zeitlosen – Verdopplung von Anfangs (Genesis, Timaios)

2. Gestaltwerdung, Befestigung des (selbst) Stehen und Gehenkönnens gegenüber dem

Durcheinander, Chaos, Abgründigen

3. Lichtwerdung, Lichtbringer, Unterscheidung von Licht und Dunkel und die Ermöglichung von Urteilskraft, zu bewußtem Wahrnehmen in Beurteilung als gut, schön (Haia)

4. Dank im Gedenken des Werdens zum Bestand der Schöpfung für das in ihr Sein Können: der Dank gehört zum Gedächtnis des Ursprungs, zur Erzählform des Gedächtnisses; das Gegenwärtigen vollzieht den Dank im Sich Verdanken – Undankbarkeit, Vergessen als Verfehlung mit den Folgen der wieder Vernichtung der Welt - Hopi).

5. Verfehlung des Werks durch die Schöpferkräfte selbst und Korrekturen in erneuter Ansetzung (Popol Vu): zum Ursprung gehört als solcher Erneuerung; Kriterien des Mißlingens (Undank der Geschöpfs / der Menschen (Hopi) – keine Entsprechung, keine Ebenbildlichkeit – die Schöpferkraft kennt sich selbst nicht in ihrer formenden Maßgabe) Mißlingen der Befähigung zum Denken, Reden, zum Dank, (Enuma Elish)

6. Gründungsgeschichte ist als erzählte Rechtfertigung von Ordnung in Bestimmung gegenüber einem Noch nicht Seinkönnen, das in der Verfehlzung der Bedingungen zur Bestandserhaltung als Bedrohung des Nichtmehrseinkönnnes wiederkehrt – so sind die Schöpfungsgeschichten mit den Sündfluterzählungen gerade in der Rettung verbunden (Noahs Arche, Hopi)


Hier nur einige Beispiele:

Maori: „Diese Worte prägten sich dem Gedächtnis unserer Vorfahren ein und wurden von ihnen von Generation zu Generation weitergegeben.“ (Sproul S. 320)

Sie handeln von der „ursprünglichen Weisheit“, (in alten ursprünglichen Worten), sie sind ursprüngliche Weisheit, die aus (und gegenüber) der Leere das Entstehen veranlaßt.

Samoa: „Tangroa wohnte im weiten Raum (Leere → weiter Raum). Da war kein Himmel, kein Land, keine Erde, keine Meer. Er war allein und wandelte im weiten Raum umher.“ -  „an der Stelle, wo er stehen blieb“ - Stand findend für die Beständigkeit – wuchs der Fels (als Seinsmöglichkeit aller Dinge)

Rig-Veda 19,121 „Er machte fest die Erde und diesen Himmel“ (S. 210)

19,129 „Zu jener Zeit war weder Sein, noch Nichtsein, nicht war der Luftraum noch der Himmel drüber. Nur Dunkel war, umhüllt von Dunkel, unerkennbar.“

Chadogya-Upanishade: „Diese Welt war zu Anfang nichtseiend. (Nichtseiend war das Seiende). (→ Ei – Trennung von Himmel und Erde)

Dhammai (Indien) „zuerst waren weder Himmel noch Erde.“ 

„Wie lange müssen wir hier noch leben, ohne einen Ort, unsere Füße darauf zu stellen?“ (kosmische Hochzeit von Himmel und Erde)


Ursprung als Schöpfung Genesis 1 - 2,4a