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Schöpfungsbericht in Genesis 1

Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht wird im Unterschied zur ab Gn 2, 4b berichteten Jahwistischen Erzählung, die das Erschaffenwerden des Menschen aus Erde und Lehm und die Paradiesgeschichte enthält, durch den Gebrauch des Begriffs "elohim" für Gott abgegrenzt, erhält aber ihre Charakteristik durch ihre die Darstellungsbedingungen von Ursprung reflektierende Struktur, in der sie die Erzählformen aus Ägypten, Kanaan und dem Ugarit mit deren "Als Himmel und Erde noch nicht waren, " weiterentwickelt.

Die Schöpfungsmythen und die ihnen nahe, aber reflektiertere Schöpfungsdarstellung von Gn 1 erweisen sich in ihrer Darstellungsart als all den gescheiterten spekulativen Versuchen, aus einem ersten Prinzip eine Welt als Einheit einer Vielheit sich bilden zu lassen, überlegen, da sie durch die Erzählform „als Erde und Himmel noch nicht waren“ allein dem Bewußtsein im Gedenken einen Ort in der Gegenwart geben konnten. Gesprochen als würde man sich erinnern, so wird doch ganz in eine Gegenwart hereingedacht, für die das je selbst im Bewußtsein zu tragende Gedenken ganz aus dem Was des erneut und weitererzählbar sich Bekundenden seine Gültigkeit wieder gewinnt. Es nimmt diese Gültigkeit den Hörenden in ihren Anspruch. So nur konnte das Denken des Ursprungs durch das Erzählgedächtnis eine Bedeutung für diese Gegenwart haben, die sich unwillkürlich als ein Verantworten der Geltung der Ursprungsbestimmung aufspannt und bildet. Die Ursprungskunde gab sich als dem zugeneigt, das sie in der Antwort der Gegenwart als Person vernahm, ihr Gedächtnistreu zuhörte und so an jenem Geist teilnehmen konnte, aus dem das Ursprungsgedächtnis sich hat aus gestaltender Einsicht bilden können. Der hörend das als weiterzugeben im Gedächtnis zu bewahren Würdigende (dies wird ihm durch die poetsiche Gestalt erleichtert, wohl allererst ermöglicht) findet sich in der Schöpfungserzählung zentral wieder als Mensch und vollzieht die Rechtfertigung des Seinkönnens als Mensch im Ursprung als Grund- und Maßgabe als ein Verantworten des als maßgeblich vernommenen Grundes mit, ist nie auf eine Selbstbeschreibung reduziert, treibt keine antropologische Wissenschaft, sondern hat Teil an einer in sich komplexen und auf ein Dasein in Gemeinschaft und Geschichte verwiesene Stellvertretung, für deren Bestimmung als ein Verantworten die in der Schöpfungsordnung überwundene Uneinigkeit in deren Erneuerung als Aufgabe repräsent bleiben kann, wir also eingebunden sind in jene Ordnungsbestimmung, die sich uns im Grundverhältnis erneut als die maßgebliche gibt, ohne die es kein Seinkönnen als Mensch und Person geben kann und für das das Personwerden je gemeinschaftliche Aufgabe bleibt. Im Ursprungsverhältnis wird uns die Einheit der Bedingungen des Personseins zum Bestimmungsgrund des Verhaltens als Person zu Personen. Darin begegnen wir dem offenbaren Geheimnis der Trinität, die nur dem Verstand versiegelt bleibt, der nicht mit „all seinen Gedanken“ in ihr mitzuleben vermag. Doch ist dieses Vermögen nichts, das wir zweckhaft oder durch Erlernen von Regeln und dem Geschick, ihnen zu folgen, erwerben oder sonst zielstrebig erreichen können. Ursprungsdenken ist Einübung in jene Demut, in der die Achtung der Würde der personalen Vermögen in ihren ursprünglichen Bestimmungsgründen sich bildet, da wir schon in jenem Lernen begriffen sind, das wir auch als Nachfolge umschreiben.

Statt mit den in sich nicht weniger antinomischen Versuchen einer physikalischen Kosmologie weiterhin sich in Konkurrenz zu wähnen, konnte sich jene Darstellungsweise von Schöpfung als bedeutsam für eine Erkenntnisbewegung erweisen, die in der Rückwendung auf die geistigen Vermögen des Seinkönnens als Mensch, der eines Ursprungs zu haben, den er prinzipiell nicht selbst verfügt, sich bewußt ist (und hält), ein nicht-kausales Grundverhältnis zur Geltung bringt, darin ein Entstehen immer gegenüber einem in sich widerstreitvollen Noch nicht selbst Sein Können dessen gedacht wird, was doch mit der Gegenwart des Bewußtseins im Denken schon hat in Anspruch genommen sein müssen. Man kann dies durchaus mit dem Gedanken einer creatio ex nihilo in Einklang bringen, wie Anselm im Monologion K 8 ff zeigt.

Daraus konnte sich mit der Rechtfertigung der eigenartigen Dopplungsstruktur in den Zeitvorstellungen des Ursprungs als Anfang, durch die eine nicht-zeitliche Bedeutung zur Geltung kommt, eine Deutung ergeben, die das Denken des Ursprungs überhaupt in eine deutende, der Gegebenheit von Welt und Erzählgedächtnis eingedenk bleibende Grundhaltung der Besinnung verhält und darin zugleich als weiterzugeben gültige erhält. Philosophisch-kritisch konnte dann die Aufgabe des begrifflichen Mitdenkens (im Gedächtnis der Ursprungserzählung in Übernahme der Zueignung von Ursprung im Selbstbewußtsein als entsprungen seiend) sich dahingehend bestimmen, daß jede Erklärung (durch den Verstand in seiner Kausalfunktion) nicht nur zum Scheitern verurteilt ist, sondern als solche einem verfehlten Anspruch folgt: die Erklärungsversuche im verstehenden Denken verwechseln schlicht Ursprung mit Ursache. Ihr Scheitern begründet keinen Mangel, sondern ist Segen für unser Orientierungsvermögen im Denken.

Die Deutbarkeit der Schöpfungserzählungen und ihre Würdigung muß darum zwingend von einer Selbstkritik des Verstandesdenkens als noch in der philosophischen Reflexion deren Begriffsverbindungen leitend begleitet sein. So ergibt sich insbesondere für eine systematische, ihrer exegetischen Grundlagen und Deutungsanforderungen bewußten Theologie die Aufgabe der Kritik an der aristotelisch-thomistischen Metaphysik, die letzlich unter Führung von Kategorien des Verstandes auf eine erste, nicht wiederum verursachte Ursache zurückzukommen glaubte, deren Wirkweise dann auch nur in Funktionen von Bewegungsprozessen  (das erste unbewegt Bewegende) sich „der natürlichen Vernunft“ zeige. Dies entspricht im Ansatz aber eben nur der Bestimmungsfunktion der Verstandeskategorie von Kausalität in Zeitverhältnissen von Erscheinungsprozessen, aber nicht dem Handlungsverhalten und seinen Grundverhältnissen, darin die „ursprünglichen Besitmmungsgründe“ immer zugleich maßgebliche Funktion und Bedeutung für ein Verhalten haben, das sich aus Gründen in deren Maß orientiert. Nur so ist Theologie „ursprünglich“ und ursprungsentsprechend immer auch „Seelesorge“: im Ansprechen der Vermögen des Geistes in einer jeden Person als durch sie selbst in Gemeinschaft verantwortet.

Die einzige, im engeren Sinn philosophisch zu nennende Darstellung, die dem ausgeführten Problemzusammenhang gestalterisch zu entsprechen vermag, ist Platons Timaios. Bezeichnenderweise gibt diese sich als vom Wissen unterschiedene Art der Kunde zu erkennen: da sie als Ursprung das zur Darstellung bringt, dem sie sich selbst nur verdanken kann, ist sie weder episteme noch logos, sondern eikos logos oder eikos mythos. Dies gibt hier eine grundlegende Verwandtschaft zur Dichtung und der in ihr sich vollziehenden Reflexionen ihrer Genesis. Auch in der Rede des Timaios wird ein zweifacher Anfang gegeben (aus Vernunft nach Maßgabe des neidlos Guten, das ihm alles werdend Entsehende möglichst ähnlich werde – und aus Notwendigkeit, die die materiellen Bedingungen des zustandekommens von Etwas und seine passive Erkennbarkeit betrifft) und in einem dritten Durchgang erst zur Bestimmung des Menschen verbunden. Erst dann findet der Ursprungsgedanken eine das Denkverhalten wahrende Einheit.

Es war erhebend und schön, als ich neben den Übersetzungs- und Interpretationsarbeiten zum Timaios auch die vielen Schöpfungsmythen in Kanaan und Ugarit, aus Ägypten und vielen anderen Gegenden der Völker der Welt kennen und so die besondere Reflektiertheit der biblischen Schöpfungsgeschichte schätzen lernen durfte. Philosophisch begrifflich und für die theologische Exegese wie Dogmatik von grundlegender Bedeutung konnte sich so die Prinzipienstruktur der Schöpfungsdarstellung als wegweisend für die Entdeckung von in jedem uns möglichen Ursprungsverhältnis grundlegenden Wesensbestimmungen des Göttlichen oder platonisch als Ideen in den Maßgaben für das Verhalten des sich auch seines Denkens bewußten Seinkönnens als Person und ihrer Handlungsverhältnisse in der Orientierung bewähren. Das hat etwas mit dem von Augustinus bedachten Ebenbildlichen des Menschen in seinem Geist, nicht als Faktum (da wir uns in Ausübung der geistigen Vermögen befindend nicht als diese selbst in die Vorlage bringen können), sondern eben als Vermögen zu tun.

So war in jener demütigen Treue des Interpreten die Begrifflichkeit von Ursprung als Grund im Verhalten nach göttlichem Maß unserer Vermögen in Haltung der Vollkommenheitsentsprechung angenommen und übernommen. Sie führte in jenem Mitdenken aus deutender Haltung zu einer Entsprechung in Begriffen, die nicht mehr wie Seiendes verstanden, aber in ihrem Ort verbindlich verbunden gleichsam wie Leitsterne ins Denken gehalten werden konnten. So ward es möglich, über die Schöpfungserzählungen hinaus mit dem Logos im Ursprung bei Gott für jene Zeit bleiben zu können, für die Einsicht in der Kraft der Orientierung gewährt ist. „Im Ursprung war der Logos (als das in Begriffen denkende Verbinden) und der Logos war auf den (einen) Gott hin und Gott war der Logos. Dieser war im Ursprung auf den (einen) Gott hin.“  Uns durch sich auf das Göttliche selbst als Grund und Maß erneut ausrichtend, auf daß wir „eines Geistes“ sind.